Sucht

Der Terminus Sucht ist ähnlich verschwommen wie der des Alkoholismus. Sprachgeschichtlich (etymologisch) leitet sich das Wort "Sucht" nicht von suchen, sondern von "siech" = krank ab.

Es hat eine Doppelbedeutung:

  1. Krankheit (z. B. Gelbsucht, Wassersucht)
  2. (im allgemeinen Sprachgebrauch) Laster, wie z. B. Habsucht, Geltungssucht

Eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung einer Sucht ist die Gewöhnung, sowohl in pharmakologischer und physiologischer als auch in psychologischer Sicht.

Aus psychiatrischer Sicht versteht man unter Sucht ein bestimmtes Verhaltens- und Erlebnismuster, das mit einem unwiderstehlichen Verlangen nach einem bestimmten Gefühls-, Erlebens- und Bewusstseinszustand beschrieben wird. Grundsätzlich kann jeder Mensch süchtig werden, d. h. die Fähigkeit dazu schlummert sozusagen in jedem. Da Sucht nicht auf den Umgang mit bestimmten Stoffen beschränkt ist, kann jede Form menschlichen Verhaltens zur Sucht werden (siehe auch nicht stoffgebundene Süchte wie z. B. Magersucht, Arbeitssucht, Glücksspiel, sexuelle Perversionen).

Neu: Abhängigkeit statt Sucht. Da der Begriff "Sucht" wie oben beschrieben unscharf ist, wurde er durch den Begriff der Abhängigkeit ersetzt.

 

 

Arbeitslosigkeit und Alkoholabhängigkeit

Schätzungen zufolge, hat jeder fünfte Arbeitslose Suchtprobleme. Alkoholismus ist unter Arbeitslosen stärker verbreitet, als im Bevölkerungsdurchschnitt. Wer länger arbeitslos ist, wird nicht zwangsläufig zum Alkoholiker, auch wenn dies ein weit verbreitetes Vorurteil ist und Langzeitarbeitslose häufiger zur Flasche greifen als die Durchschnittsbevölkerung. Suchtgefährdet sind vor allem die Arbeitslosen, die schon während der Berufstätigkeit viel Alkohol konsumiert haben und die die Bereitschaft besitzen, mit Alkohol „Probleme zu lösen“.

Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass die Zahl der Arbeitslosen, die ihren Alkoholkonsum während der Arbeitslosigkeit erhöhen, deutlich größer ist als die Zahl derer, die ihn reduzieren. Insbesondere bei Arbeitslosen, deren Selbstwertgefühl am stärksten erschüttert ist, nimmt der Alkoholkonsum mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zu.

Arbeitslose, die während der Arbeitslosigkeit eine Therapie beginnen, bleiben zu über 90 % auch nach dem Abschluss der Therapie arbeitslos. Arbeitslose werden nach Abschluss einer Therapie doppelt so häufig rückfällig wie Berufstätige. Dabei sollte über Sinn oder Unsinn einer Therapie nachgedacht werden. Das Ziel der Kostenträger, Alkoholiker nach einer Therapie wieder in die Erwerbstätigkeit zu entlassen wird nicht erreicht. Neue Perspektive werden nur selten eröffnet.

Arbeitslosigkeit hat unter allen Faktoren die größte Bedeutung für Rückfälligkeit. Süchtige Arbeitslose haben deutlich größere Probleme, wieder einen festen Job zu bekommen, als Arbeitslose ohne Suchtprobleme. Die Gründe für den Alkoholmissbrauch sind vielfältig: Ihre Wurzeln finden sich in einer ausgeprägten Trinkkultur, die regelmäßigen Alkoholgenuss, ja sogar Exzesse duldet. Für viele Arbeitnehmer ist der Alkohol als Problemlöser und Gemeinschaftsstifter fester Bestandteil ihrer Arbeitswelt („soziales Schmiermittel“).

Alkoholismus selbst ist schon ein Zeichen dafür, dass man Hilfsmittel braucht, um fehlendes Selbstbewusstsein auszugleichen. Dass Alkoholkranke unter Arbeitslosen häufiger vertreten sind, liegt auch daran, dass Alkoholkranke genauso wie Ältere, gesundheitlich Angeschlagene usw. verstärkt wegen Minderleistung aus den Betrieben aussortiert werden. In einer Befragung nannten z. B. 8 von 80 Langzeitarbeitslosen Sucht als Kündigungsursache.

Sucht erscheint der Gesellschaft als individuelles Problem, als Problem mangelnder Willensstärke. Die millionenfache Verbreitung spiegelt aber wieder, dass Millionen Menschen Glücksgefühle und Entspannung aus Betäubungsmitteln ziehen, weil sie aus dem Verkauf einer Ware namens Arbeitskraft oder ihren sozialen Beziehungen insgesamt zu wenig Befriedigung ziehen können.

Lohnabhängigkeit produziert auch andere Arten von Abhängigkeit!

 

Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit gilt: „Man lässt sich immer mehr hängen“. Die schlechtere gesundheitliche und psychische Verfassung von Arbeitslosen, die geringe Unterstützung, die stärkere Verbreitung von Alkoholismus, Überschuldung, Einsamkeit und geringerem Selbstwertgefühl tragen dazu bei, dass zahlreiche Arbeitslose an Antriebsschwäche leiden. Ihre Willenskraft ist mehr oder weniger stark eingeschränkt. Persönliche Widerstandsfähigkeit zu entwickeln ist deshalb sehr wichtig, um nicht unterzugehen. Wenn man seine Meinung über sich von der Meinung des Kapitals abhängig macht und keinen eigenen, selbstständigen Standpunkt als LohnarbeiterIn entwickelt, zerbricht man eher.

 

Es ist notwendig zu lernen, sich gegen die Umstände zur Wehr zu setzen, die einen niederdrücken und sich da zu kratzen, wo es einen juckt. Auf dieser Basis wäre es möglich, Selbstbewusstsein immer wieder neu aufzubauen, das durch die Verhältnisse immer wieder abgebaut wird. Konflikte nach außen zu tragen, statt nach innen zu verlagern und sie mit sich selbst auszumachen, hilft die Arbeitslosigkeit positiv zu verarbeiten.