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Veröffentlicht am 19. September 2015

Arm trotz Arbeit

Concept social

Von Erwerbsarmut spricht man, wenn eine Person trotz Erwerbstätigkeit arm oder von Armut bedroht ist. Erwerbsarme werden auch als Working Poor bezeichnet. 30 % aller Working Poor sind an- und ungelernte Arbeiter. Erwerbstätige, die nicht Vollzeit arbeiten, haben ein besonders hohes Armutsrisiko, doch sind viele trotz Vollzeitarbeit arm. Akademiker sehen sich zunehmend mit der Gefahr konfrontiert, zu den „Working poor“ gerechnet zu werden: Vor allem die sogenannten Freiberufler haben in den letzten Jahren erhebliche Einkommenseinbußen hingenommen. Ob Architekten, Rechtsanwälte oder Journalisten: Viele leben trotz Arbeit mittlerweile am Existenzminimum, können sich weder ein Büro noch ein Auto leisten. Neben der geringen Entlohnung sehen sich diese Berufsgruppen mit weit überdurchschnittlichen Wochenarbeitszeiten konfrontiert.

Schlecht bezahlte Jobs, Menschen mit zwei oder drei Beschäftigungsverhältnissen oder auch arbeitende Senioren, kannte man lange vorwiegend aus den USA. Mit dem technologischen Fortschritt, Rationalisierungen, dem wirtschaftlichen Strukturwandel und wegfallenden Arbeitsplätzen in der Industrie nimmt das Phänomen seit Mitte der 1990er Jahre auch in Deutschland stetig zu. Verstärkt wird die Situation durch die Deregulierung des Arbeitsmarktes im Zuge der Hartz-Gesetzgebung. Zunehmend mehr Menschen sind arm, obwohl sie erwerbstätig sind. Erwerbsarbeit ist längst nicht mehr der „Königsweg“ aus der Armut. Verantwortlich hierfür sind prekäre Arbeitsverhältnisse.  Der Niedriglohnsektor ist in Deutschland stärker als in anderen westlichen Industriestaaten gewachsen. Inzwischen arbeitet hierzulande fast jeder Vierte für einen Niedriglohn. Als solcher werden laut dem Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen Bruttostundenlöhne von unter 9,54 Euro bezeichnet. Über vier Millionen Beschäftigte verdienten sogar weniger als 7 Euro pro Stunde, 1,4 Millionen gar unter 5 Euro. Der Mindestlohn  hat die prekäre Beschäftigungssituation nicht verbessert, ein Stundenlohn von 8,501 Euro führt nicht aus der Armut, Lücken in  der Existenzsicherung sind weiterhin vorhanden.  

 

Es gibt Personengruppen, die häufiger für einen Niedriglohn arbeiten als andere: mehr Frauen als Männer, häufiger Junge als Ältere, öfter Ostdeutsche als Westdeutsche und verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund. Ernüchternde Erkenntnis all dessen: Arbeit reicht nicht mehr aus, um Armut zu vermeiden. Rund 350 000 Vollzeitbeschäftigte in Deutschland verdienen so wenig, dass sie ergänzend zu ihrem Lohn Hartz IV-Leistungen brauchen, um ihr Existenzminimum zu sichern. Lediglich jeder vierte vollzeitbeschäftigte „Aufstocker“ verdient mehr als 8,50 Euro pro Stunde. Sie sind also nicht „nur“ Teilzeitkräfte, wie Arbeitgeberverbände glauben machen wollen.

 

Die Spaltung des Arbeitsmarktes in prekäre und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bleibt nicht ohne Folgen für unsere Gesellschaft. Die viel diskutierte Erosion des Mittelstandes greift um sich und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt, insbesondere die Solidarität mit Erwerbslosen. Ein Ammenmärchen ist indes Folgendes: Befürworter eines breiten Niedriglohnsektors argumentieren, dieser schaffe einen Berufseinstieg gerade für Geringqualifizierte. Vier von fünf Niedriglohnbeschäftigten haben jedoch eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss. Noch schlimmer: Die Aufstiegsmöglichkeiten aus dem Niedriglohnsektor sind begrenzt. Viel häufiger wechseln sich kurze Zeiten prekärer Beschäftigung mit Zeiten von Arbeitslosigkeit ab. Bedenklich ist auch, wenn Facharbeiter als Leiharbeiter ungelernte Tätigkeiten verrichten müssen, drohen sie den Anschluss in ihrem Ausbildungsberuf zu verlieren. Vor dem Hintergrund des angeblichen Fachkräftebedarfs ist dies unverantwortlich.

 

 

Betroffene fordern Sofortmaßnahmen

 

  • Anhebung der Mindestlöhne auf ein existenzsicherndes Niveau.

 

  • Für Leiharbeitnehmer müssen gleiche Lohn und Arbeitsbedingungen herrschen wie für die Stammbelegschaft. Rücknahme der Liberalisierung der Leiharbeit.

 

  • Alle Beschäftigungsverhältnisse müssen versicherungspflichtig sein, Schluss mit Werkverträgen und als Ehrenamt getarnte Beschäftigungsverhältnisse.

 

  • Keine Hartz IV-Sanktionen für Leistungsberechtigte, die nicht existenzsichernde Vollzeitarbeit oder Ein-Euro-Jobs und andere unsinnige nicht zielführende Maßnahmen ablehnen.

 

  • Mehr öffentliche Beschäftigung statt jobvernichtender Maßnahmen, die lediglich den Trägern nutzen.

 

  • Bezahlbare Wohnungen, Senkung der Energiekosten, Umkehrung der Privatisierung insbesondere im Gesundheitswesen.

 

  • Paritätische Beitragszahlung zur Krankkenversicherung. Härtefallregelungen in der Gesundheitsfürsorge für Menschen mit wenig Einkommen.

 

 


Kommentare (1)


  1. Dagmar Schneider

    Dagmar Schneider

    27. September 2015 um 17:50 Uhr

    Hallo.
    als beeinträchtigte Person möchte ich "für prekär Beschäftigte noch folgende Punkte ergenzen: Zum anderen werden neben arbeitenden Senioren auch Menschen mit "Beeinträchtigungen (heutiges Amtsdeutsch: schwer Behindert) in verschiedene Leistungsbranchen unterteilt." Das Hauptproblem von beeinträchtigten Personen (mit einem Ausweis von GdB) noch was, ist am 1. Arbeitsmarkt: Man kann nur in der Gebäudereinigung oder auf dem Bau so gut verdienen, wenn man Vollzeit arbeitet und nicht aufstocken muss. Sogar viele Mitarbeiter des Integrationsamtes finden es toll, dass sog. Integrationsfirmen oder Sozialunternehmen häufig an sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nur körperlich anspruchsvolle Reinigungsdienste anbieten oder Hausmeisterdienste. Bei verschiedenen "Zustelldiensten", die auch im laufe der Zeit lieberalisiert wurden, gibt es auch nur wenig Arbeitsstellen für behinderte Menschen. Und bei sozpfl. Teilzeit muss man trotz den 8,50 Euro seid Jan. 2015 aufstocken.
    Dann gibt es noch eine 3. Spaltung des Arbeitsmarktes: Die Rehawerkstätten (früher häufige Behindertenwerkstätten). Damit Firmen weniger Ausgleichsabgabe zahlen müssen, geben Sie oft "körperlich leichte Tätigkeiten"/u. einfache Aufgaben dort als Auftrag ab. Damit sind die Firmen auch aus dem Mindestlohn raus. Da ist die Behindertenrechtskonvention weit hinten dran. Denn Beeinträchtigte, die in den Werkstätten arbeiten, sind doch keine Menschen 2. Klasse und haben sich auch jeden Monat für Ihre Arbeit "einen Existenzsichernden Lohn (ohne SGB II) verdient.
    Sollte es mal in einzelnen Branchen einen Auftragsmangel geben, brauchen wir dringend eine Sanktionsfreie Grundsicherung von mindestens 500 Euro und das Arbeitslosengeld 2 Plus.
    Gruß D.S.


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